Pressemitteilung vom 21.10.2016

    Initiative für Alleinerziehende im Westerwald will Modellprojekt werden

    -Westerwaldkreis-„Hätte ich vorher gewusst, auf welchen Hürdenlauf ich mich da einlasse, dann hätte ich es wahrscheinlich gleich sein lassen. Aber zum Glück wusste ich es ja nicht und so habe ich es doch geschafft, meine Ausbildung zur Bürokauffrau abzuschließen und somit sicherzustellen, dass ich mit meinem Lohn ganz allein für meine beiden Kinder und mich sorgen kann. Ohne die Unterstützung eines großartigen Ausbildungsbetriebes hätte ich allerdings kapitulieren müssen“, so fasste Anna Lea W. ihre Erfahrung als alleinerziehende Auszubildende zusammen.
    
    Anna Lea W. ist eine von drei betroffenen Frauen, die die Initiative für Alleinerziehende im Westerwald  eingeladen hatte, in einer, von der Frauenbeauftragten der Kreisverwaltung Westerwald, Beate Ullwer, moderierten Gesprächsrunde von ihren Erfahrungen am Arbeitsmarkt  zu berichten. Gehört wurde aber auch die Arbeitgeberseite, Verantwortliche in Betrieben, die sich auf die Einstellung Alleinerziehender eingelassen haben.
    

    Mitinitiatorin Dr. Tanja Machalet (MdL) betonte in Ihrer Begrüßung, dass der Termin für die Veranstaltung ganz bewusst in der Woche gewählt wurde, zu der auch der Internationale Tag zur Bekämpfung der Armut gehört. „Denn nicht erst seit der neusten Studie der Bertelsmannstiftung wissen wir, dass die Gefahr in Armut zu leben, gerade für Alleinerziehende Frauen enorm groß ist – so sind in Rheinland-Pfalz 48% der Alleinerziehenden in SGB II-Bezug, häufig, weil sie u.a. mangels bedarfsgerechter Kinderbetreuung keinen Job annehmen können, der die Existenz der Familie sicherstellt“, so Machalet. 


    Die betroffenen Frauen berichteten von Arbeitgebern, die systematisch alleinerziehende Mütter aussortieren, vom Job in der Pflege, der im 3-Schicht-System verläuft und der trotz größter Anstrengungen nicht mit den Bedürfnissen des Kindes vereinbar ist. Alle betonten immer wieder die wichtige Rolle, die die Hilfe von Familie, Freunden und Arbeitgebern für sie im Alltag spielt und dass die Möglichkeiten der Kinderbetreuung vor allem in Randzeiten weiter ausgebaut werden müsse. 

    Anna Lea W. erzählt, dass sie mit 25 Jahren ihren eigenen Vater vor Gericht bringen musste um Unterhaltszahlungen zu erstreiten, weil ihr sonst von den Behörden jegliche weitere finanzielle Unterstützung verwehrt geblieben wäre – diese finanzielle Unterstützung für die Dauer ihrer Teilzeitausbildung, die sie sogar als Jahrgangsbeste absolvierte, setzte sich aus Leistungen von fünf verschiedenen Stellen zusammen. „Da muss man erst mal herausfinden, was einem zusteht und woher man es bekommt“, so W. „ Mir hätte ein fester Ansprechpartner geholfen, der sich mit der gesamten Materie auskennt, aber ich musste mir alle Informationen selbst besorgen, weil die zuständigen Mitarbeiter der einzelnen Behörden mir immer nur einen Teil der Informationen geben konnte, die ich benötigte. Vielleicht habe ich das Ganze auch völlig falsch angefangen, aber da war niemand, der mir sagen konnte, was der richtige Weg ist.“

    Im Verlauf der Veranstaltung kam Melanie Oehl vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Mainz zu Wort. Sie betreut in Kooperation mit Agentur für Arbeit und Jobcenter das Projekt „Kinderbetreuungslotse“ und sieht ihre Hauptaufgabe darin, durch Coaching-Gespräche mit alleinerziehenden Frauen, deren Bedarfe und Ressourcen zu erkennen und durch zielgerichtete Unterstützung den Wiedereinstieg ins Erwerbsleben zu unterstützen. „Hierbei geht es nicht nur, wie der Name des Projektes vermuten lässt, darum, die Kinderbetreuung sicherzustellen, sondern auch genau das zu tun, was sich Anna Lea W. so gewünscht hätte, nämlich sämtliche Informationen zu Hilfsangeboten gebündelt zur Verfügung zu stellen und vor allem immer und immer wieder Mut zu machen“, so Oehl.
     „Natürlich bedeutet eine Ausbildung unter solch schwierigen Umständen zu absolvieren zunächst Investition, aber auf lange Sicht bietet dieser Schritt den Frauen eine bessere Zukunft und den Glauben an sich selbst.“ Die diplomierte Pädagogin weiß genau, wovon sie spricht, wurde sie doch während des Studiums selbst zur Alleinerziehenden mit zwei Kindern.
    An die anwesenden Arbeitgeber gewandt machte Oehl noch folgende Feststellung: „Sie sollten perspektivisch immer bedenken, dass „Alleinerziehend“ nur eine Phase im Leben der Frauen bedeutet und wer eine Frau in solch einer schwierigen Phase einstellt und sie unterstützt, wird eine dankbare Arbeitnehmerin haben.“ „Der Kinderbetreuungslotse Mainz bietet den betroffenen Frauen eine wirklich große und alltagsorientierte Unterstützung und es wäre schön, wenn es mehrere solcher Modelle auch in anderen Bezirken geben würde“, so Oehl.
     „Das sehen wir von der Initiative für Alleinerziehende im Westerwald genauso. Vielleicht schaffen wir es ja, dass der Westerwald hier ein „Modellprojekt für den Ländlichen Raum“ wird“, so die Gleichstellungsbeauftragte, Beate Ullwer.

    Es folgte die Präsentation eines Flyers, der eine Faktensammlung über Alleinerziehende, eine Liste von Argumenten, die für die Beschäftigung von Alleinerziehenden sprechen, sowie einen Überblick über die Mitglieder der Initiative für Alleinerziehende, enthält. Das Blatt soll in den nächsten Tagen per Post oder per Mail an die Arbeitgeber unserer Region versandt werden. Anwesende Arbeitgeber erhielten direkt vor Ort eine Info-Mappe zu flexiblen Arbeitszeitmodellen und Möglichkeiten der Teilzeitausbildung von der Ansprechpartnerin bei der Agentur für Arbeit, Dorothea Samson. In der abschließenden Diskussionsrunde wurde der Wunsch nach einer Broschüre laut, die sämtliche Informationen zu Hilfsangeboten für Alleinerziehende gebündelt zur Verfügung stellt.
     „Wir werden Ihre Anregungen mitnehmen und an der Bereitstellung des gewünschten Informationsmittels arbeiten. Die Idee hierzu hat die Initiative schon seit einiger Zeit und es wurde auch schon angeregt, das Ganze zusätzlich als App anzubieten. Wie Sie also sehen, ist der Bedarf ungebrochen und je mehr wir uns mit allen Akteuren austauschen, umso konkreter werden die Impulse für unsere weitere Arbeit“, schloss Dr. Machalet.